Alle reden von Transformation. Von den großen Umbrüchen, die auf uns zukommen und alles verändern werden. Doch mal ganz ehrlich: Glauben wir das wirklich?
Oder ist es nicht eher so, dass die Konsequenzen dieser angekündigten Umbrüche unser Vorstellungsvermögen übersteigen und sich die Diskussion auf der Metaebene deshalb deutlich besser aushalten lässt?
Transformation ist formverändernd. Seine Bruchlinien sind längst sichtbar. Noch nicht für alle gleichermaßen spürbar. Noch nicht so offensichtlich, dass sie sich nicht noch ignorieren ließen. Aber deutlich genug, um zu erkennen, dass etwas ins Rutschen gekommen ist. Die Hoffnung, wir können es aussitzen, stirbt zuletzt.
Unsere Welt wandelt sich – wie genau und wohin, ist noch nicht vollständig greifbar. Genau darin liegt die Herausforderung.
Wir Menschen mögen Veränderungen, solange wir wissen, wohin sie führen. Was wir deutlich weniger mögen, ist Unsicherheit.
Der Psychologe Erich Fromm beschrieb den tiefen Wunsch des Menschen nach Orientierung und Sicherheit. Freiheit hingegen bedeutet immer auch Unsicherheit. Eine mögliche Erklärung, warum wir häufig lieber an Bekanntem festhalten, als uns auf etwas einzulassen, dessen Ausgang wir nicht kennen.
Die Zukunft war noch nie ein Ort, den wir betreten konnten, bevor wir ihn erschaffen haben.
Wir leben zunehmend in einer Welt, die von Komplexität geprägt ist und unser bisheriges Denken und Handeln nicht mehr genügen. Unsere Institutionen, Organisationen und gesellschaftlichen Systeme wurden für eine Welt gebaut, die berechenbarer war, die es so nicht mehr gibt.
Wir verwenden zwar die Technologie der nächsten Gesellschaft, versuchen jedoch, sie mit den Denkmustern, Hierarchien und Kontrollansprüchen der alten Moderne zu bedienen.
Hier läuft etwas gewaltig schief!
Der Soziologe und Systemtheoretiker Dirk Baecker beschreibt unsere Zeit als den Übergang in eine nächste Gesellschaftsform, in der Unsicherheit nicht die Ausnahme, sondern die Norm ist. Es gilt in einem permanenten Ungleichgewicht zu leben.
Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe deshalb nicht darin, Unsicherheit zu beseitigen. Vielleicht müssen wir lernen, mit ihr produktiv, aktiv und positiv umzugehen. Eine Unsicherheit, die in der Umdeutung nach Fromm Freiheit schafft.
Wir sitzen zwischen zwei Zeitenwelten. Die alte wollen wir noch nicht loslassen und für die neue sind wir noch nicht bereit.
Es liegt in der Natur des Menschen, so lange wie möglich zu versuchen, das Vertraute aufrechtzuerhalten. “Früher war alles besser” – das verklärte Bild der Vergangenheit oft trügerisch. Und der Verlust des Bekannten schmerzt oft mehr als die Aussicht auf etwas Besseres motiviert. Das Ungewisse der Veränderung macht uns Angst.
Wenn wir Veränderung ignorieren, verschwindet sie nicht einfach wieder. Sie passiert, mit oder ohne uns. Die entscheidende Frage ist, wollen wir sie aktiv gestalten oder sie über uns ergehen lassen. Es darf keine Frage sein und bloßes Überleben ist keine Option.
Richten wir unsere Perspektive auf Chancen und Möglichkeitsräume, die entstehen.
Und lassen wir zu, wie es der Psychologe Jean Piaget beschrieb, die Entwicklung von grundlegendem Neuen als einen ständigen Prozess des Ausprobierens, Fehlermachens, Anpassens und Neuordnens zu sehen. Jedes Kleinkind lernt so Laufen.
Schaffen wir Möglichkeitsräume, in denen wir ausprobieren dürfen. Räume, in denen nicht feststeht, was richtig oder falsch ist. Räume, in denen Zukunft entstehen darf.
Der Aktionsforscher Otto Scharmer nennt dies, aus der entstehenden Zukunft heraus zu handeln. Ein zunächst ungewohnter Gedanke. Und doch beschreibt er etwas, das wir alle kennen.
Der Momente, in denen wir spüren, dass etwas Neues möglich wird, bevor wir es vollständig erklären können.
Die Zukunft zum Greifen nahe und die Schritte dorthin plötzlich einfach logisch erscheinen. Lassen wir uns darauf ein und gehen in die Handlungsfähigkeit. Die Zukunft ist es uns wert.


